Warum wir aus  dem System „Jugendhilfe“ ausgestiegen sind

Im Jahr 2011 haben wir mit der Gründung AWAG Mittelmühle begonnen, „schwierige“ Jugendliche aus von Gewalt, Drogen und Kriminalität geprägten Lebenswelten „von der Straße“ zu holen (YouTube). Von Beginn an konnten wir Erfolge nachweisen. Von 2014 bis 2018 haben wir unsere Leistungen als freier Träger der Jugendhilfe angeboten. Im Fokus standen weiterhin die schwierigen Fälle, welche bereits zahlreiche andere Einrichtungen durchlaufen hatten und dort gescheitert waren.

Wir mussten jedoch lernen, dass sich die Arbeit mit „entkoppelten“ Jugendlichen nicht ohne Grund in der klassischen Jugendhilfe sehr schwierig gestaltet und haben verstanden, was junge Menschen oft zu „Systemsprengern“ macht. Infolge zahlreicher Einschränkungen, die sich durch die behördlichen Auflagen ergeben haben, konnten wir unsere Arbeit nie so richtig frei in der Art und Weise leisten, wie wir es von „von früher her“ kannten und wie es notwendig gewesen wäre.

Erschwerend kam hinzu, dass es nicht einfach ist, geeignete Mitstreiter für eine derartige Arbeit zu finden. Ein Träger der freien Jugendhilfe ist bei der Personalwahl auf pädagogisches Fachpersonal beschränkt und somit darauf angewiesen, was der Markt „so hergibt“. Leider ist, wie wir heute wissen, ein „pädagogisches Fachkräftegebot“ kein Garant für eine gute Qualität in der Arbeit mit jungen Menschen.

Dies führte zu massiven internen Spannungen und einem Spagat zwischen unserer Arbeitsweise und den uns auferlegten systembedingten Anforderungen.

Erfolge stellten sich die in dieser Zeit kaum mehr ein. Unsere Einrichtung reihte sich letztlich in die Heimkarriere der jungen Menschen ein, sodass wir nur eine weitere Station auf deren Irrweg waren.

Mehrfach kamen die Köpfe der CoLab in Gedanken daher zu dem Punkt, die Arbeit auch wieder außerhalb einer Trägerschaft der freien Jugendhilfe zu leisten. Erste Ansätze dazu gab es bereits 2016 in einer WG, welche als Prototyp außerhalb der klassischen Jugendhilfe junge Volljährige aufgenommen hat, die zuvor in verschiedenen Heimen lebten und mit dem Erreichen der Volljährigkeit auf der Straße standen.

Die endgültige Entscheidung, keine Leistungen mehr im System der klassischen Jugendhilfe anbieten zu wollen, fiel durch die Verantwortlichen Mitte 2019 durch ein sehr prägendes Ereignis. Aus dem Kreise der eigenen Belegschaft wurden gegenüber der übergeordneten Behörde schwerwiegende Vorwürfe gegen die Einrichtungsleitung erhoben, denen im Amt Glauben geschenkt wurde. Von behördlicher Seite hätte die Leitung bis zur Klärung langfristig außer Dienst gestellt werden sollen. Unsere kleine Einrichtung wollte sich, auch zukünftig, derart nicht sabotieren lassen. Wir kehrten dem System Jugendhilfe den Rücken und erstatteten Anzeige. Mittler Weile sind die Vorwürfe durch die Staatsanwaltschaft als haltlos erklärt. Zurück in das System Jugendhilfe möchten wir mit unseren Angeboten allerdings nicht mehr.

Durch die Loslösung von zahlreichen Jugendhilfe-Standards, der Rückgabe unserer Betriebserlaubnis nach SGB VIII und die Neuorientierung unseres Teams konnten wir unsere Zielgruppe wieder erreichen. Die Freude an unserer Arbeit kehrte zurück und wir konnten an alte Erfolge anknüpfen. Wir konnten über diesen Wendepunkt hinweg praktisch alle volljährigen Jugendlichen mitnehmen und erfolgreich mit ihnen weiterarbeiten, da sie die Jugendhilfe kurzer Hand kündigten und somit den behördlichen Weisungen nicht mehr folgen mussten. Jugendliche, welche zu diesem Zeitpunkt noch nicht volljährig waren und gegen ihren Willen amtsseitig ausgesteuert wurden, kamen zurück, da sie auf dem „neu verordneten Weg“ abgestürzt sind.

CoLab vs. klassische Jugendhilfe

Die AWAG Mittelmühle bietet Hilfe für Jugendliche, welche in anderen Hilfesystemen gescheitert sind. Sie kann schnell und unkompliziert eine Ersthilfe aufbauen, da sie zunächst unabhängig von behördlichen Prozessen arbeitet. Es müssen also nicht erst Anträge gestellt, notwendige Papiere aufwendig beschafft und Fälle langwierig bearbeitet werden. Die notwendige Hilfe kann rasch gestartet werden. Praktisch passiert es, dass ein Jugendlicher vor der Tür steht und am selben Tag aufgenommen wird.

Pädagogik

Der größte Unterschied zur klassischen Jugendhilfe liegt in der Arbeitsweise mit den Jugendlichen unserer Zielgruppe. Wir arbeiten in sehr kleinen Gruppen und können so sehr individuell auf die Bedürfnisse der Jugendlichen eingehen. Unser primärer Ansatz ist nicht Erziehung, Kontrolle und Aufsicht, sondern „erst mal machen lassen“ und verlässliches Coaching. Wir verstehen uns nicht als Erzieher, sondern als Lotsen. Dadurch fühlen sich die Jugendlichen nicht „von außen“ kontrolliert und eingeschränkt und müssen nicht "gegen das System arbeiten". Sie können anhand der Reflexion ihres eigenen Verhaltens lernen und sich verändern. Dennoch haben wir verlässliche Strukturen und klare Regeln, welche von den Jugendlichen verstanden und akzeptiert werden, da sie jeden einzelnen auch schützen und voranbringen.

Bindung

Ein weiterer großer Aspekt ist das gegenseitige Vertrauen und das Begegnen auf Augenhöhe. Um an entkoppelte Jugendliche überhaupt noch heranzukommen, ist ein professionelles Nähe/Distanz-Verhältnis erforderlich: eine belastbare Bindung, welche von Zuwendung, Empathie, Akzeptanz und Fürsorge geprägt ist. Wir nehmen den jungen Menschen ehrlich an. Bei uns sind die Beziehungen authentisch und keine „eingekaufte Dienstleistung“. Unser Team gibt auch in Krisen Halt und Orientierung, lässt die jungen Menschen an sich ran. Das erfordert Mut zur langfristigen Verantwortung, die wir gerne und aus tiefster Überzeugung übernehmen.

Aushalten

Entkoppelte Jugendliche wollen ausgehalten werden. Sie testen Grenzen bis über die Belastungsgrenze hinaus aus und das immer wieder. Hier ist Geduld und Ausdauer gefragt. Das ist nur möglich, wenn die Mitarbeiter ihre Arbeit aus Leidenschaft verrichten und fest zueinander stehen. Wir können Rückschläge verkraften und werfen einen Jugendlichen nicht raus, wenn er beispielsweise „Mist“ baut oder mit Drogen rückfällig wird. Das gibt Halt. Für den jungen Menschen fühlt sich dies dann an, wie eine Familie.

Zuhause

Jugendhilfe ist eine Hilfe auf Zeit; auch bei uns. Dieser Ansatz führt jedoch bei der klassischen Jugendhilfe oft dazu, dass bei den jungen Menschen kein Heimatgefühl aufkommt. Das „Heim“ ist Durchgangsstation, Zweckgemeinschaft, ein System. Unsere Gemeinschaft kann, wenn es der junge Mensch möchte, auf Dauer bestehen; auch außerhalb der Hilfe. Das „Heim“ wird so zur stabilen Basis. Da können sie immer wieder hin, das ist immer ihr Zuhause.

Team

Anders, als in der klassischen Jugendhilfe kommen unsere Mitarbeiter nicht rein aus dem pädagogischen Bereich, sondern aus unterschiedlichen Berufsfeldern. Wir haben gelernt, dass das Prädikat „pädagogische Fachkraft“ kein Garant für eine gute Qualität in der Jugendarbeit ist. Vielmehr ist der Mix aus erfahrene Persönlichkeiten verschiedener Bereiche sehr wertvoll für die Arbeit mit unserer Zielgruppe. Wir unterliegen keinem pädagogischen Fachkräftegebot. Es wird uns daher bei der Personalwahl kein Titel der Ausbildung vorgeschrieben. Somit können wir unsere Fachkräfte anhand der tatsächlich benötigten und mitgebrachten Fähigkeiten aussuchen. Unser Team zeichnet sich daher durch eine Vielfalt an bodenständigen Persönlichkeiten mit zahlreichen Qualifikationen, Fähigkeiten und Kontakten aus. Vereint sind wir durch unsere gemeinsamen Werte.

Unsere Mitarbeiter haben in ihrem Leben etwas erreicht und können entsprechende Werte an die junge Generation weitergeben. Die Jugendlichen finden in den Erwachsenen Vorbilder, wenn sie beispielsweise erleben, wie wir Erwachsene Musik produzieren, eine Mauer hochziehen oder einen Verstärker reparieren.

Zusätzlich arbeiten wir eng mit Experten z.B. aus dem Sucht-, Schul- und Ausbildungsbereich zusammen.

Wir binden bei der Freizeitgestaltung gerne auch stabile ehemalige Teilnehmer mit in die Arbeit ein. Sie haben einen besonders authentischen Bezug zu unserer Zielgruppe und flankieren unsere Arbeit.

Ängste

Die klassische Jugendhilfe hat durch verschiedene Vorfälle der Vergangenheit große Probleme mit Kindeswohlgefährdung (eine Fürsorge, die übrigens mit den Erreichen der Volljährigkeit abrupt endet). Die dadurch entstehende, oftmals durch Angst geprägte Arbeitsatmosphäre schränkt die Handlungsfähigkeit mit entkoppelten Jugendlichen stark ein. Jegliche Handlungsunsicherheit ist ein großes Problem, da sie das zarte Vertrauen und die Verlässlichkeit sofort zerstört.

Es ist besonders wichtig, dass die Jugendlichen eigene Erfahrungen machen können, die sie an ihre Grenzen bringen. Unser Ansatz ist es, das Verhalten der Jugendlichen zu reflektieren, sie notfalls aufzufangen und Hilfe anzubieten. Dies bedeutet konkret:

  • Möchte man „entkoppelten“ Jugendlichen helfen, muss man sie zunächst so annehmen, wie sie sind. Hier ist es wichtig, vermehrt Chancen zu sehen und nicht nur die Probleme und Risiken, welche die „Neuen“ in die Gruppe tragen.

  • Entkoppelte“ junge Volljährige können nicht rund um die Uhr Tag und Nacht beaufsichtigt werden. Sie müssen auch selber auf sich aufpassen können. Durch die gute Vernetzung in der Nachbarschaft und bei den Ordnungsbehörden erhalten wir hier eine gute Rückkopplung. So können wir eingreifen, wenn etwas schief läuft.

  • Auch ist es nicht sinnvoll, dass ihnen „alles hinterher getragen“ wird. Sie müssen lernen, dass sich beispielsweise Sauberkeit und Ordnung lohnen. Wenn mit der Wäsche nicht sachgerecht umgegangen wird, hat man nichts mehr anzuziehen. Schlechter Umgang mit Geld führt zu einem leeren Kühlschrank.

  • Es muss nicht alles perfekt sein. Wenn die Jugendlichen unserer Zielgruppe ihr Wohnumfeld selber aufbauen und gestalten, schätzen sie es mehr. Wir halten nicht viel von „hotelzimmerähnlichen“ Zuständen. Eine einfache Matratze kann zu Beginn an ausreichen, bis das Bett gebaut ist.

  • Wenn der Jugendliche etwas mutwillig zerstört, muss er merken, dass dies persönliche Konsequenzen hat, die sein unmittelbares Wohlbefinden einschränken. Dies könnte beispielsweise bedeuten, dass eine zerstörte Zimmertür zunächst nicht wieder seitens eines „technischen Dienstes“ ersetzt wird. Es gibt dann erst mal keine. Dies kann jedoch nur funktionieren, wenn seitens der Behörden keine „baulichen Mängel“ erhoben werden. Der Jugendliche soll in die Lage einer Wiedergutmachung kommen und an der Reparatur mitwirken.

  • Sucht ist eine Krankheit, die nicht durch Verbote geheilt werden kann. Auch ein „Wegsehen“ ist keine Lösung. Eine Suchtproblematik bedeutet herbe und teils kollektive und tiefe Rückschläge, mit denen sich Jugendliche und Betreuer im Rahmen einer Therapie offen auseinandersetzen müssen. Dies kann nur gelingen, wenn dem Träger seitens der Behörden keine „Drogenproblematik“ angekreidet wird.

  • Es kann sinnvoll sein, einen Jugendlichen wegen seines Verhaltens aus der Gruppe auszugrenzen. Im Extremfall kann diese Ausgrenzung bedeuten, dass der Jugendliche zeitweise wieder auf der Straße landet. Wir halten in diesen Fällen jedoch immer die Kommunikation offen.

  • Manchmal benötigt ein Jugendlicher seinen persönlichen Freiraum und taucht Monate lang unter. Auch das halten wir aus und können die Tür dennoch offen lassen, ohne dass wir gleich eine Vermisstenmeldung absetzen müssen oder ein Jugendamt „den Hahn abdreht“.

Wir haben eines immer fest im Blick und dafür stehen wir ein: „Das Wohl des jungen Menschen, der sich uns anvertraut.“ Jedes (pädagogische) Handeln sollte daher am Ende die Rechte, Interessen und Bedürfnisse des Jugendlichen im Zentrum haben.


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